Sonntag, 6. März 2011

Meine Hajj 2009 - Erfahrungsbericht

Die Hajj ist eine der fünf Säulen des Islam. Für viele Menschen findet sie nur einmal im Leben statt. Viele haben nicht die Möglichkeit, die Hajj auch nur einmal zu verrichten. Die Hajj bringt uns näher zu Allah, unserem Schöpfer, näher zu unseren Brüdern und Schwestern und ihre Belohnung ist, wenn sie angenommen wird, das Paradies.


Als ich letztes Jahr die Möglichkeit hatte, die Hajj zu verrichten, kam das genau zum richtigen Zeitpunkt. Ich war gerade in einer schwierigen Phase meines Lebens und ich spürte, wie mein Iman darunter zu leiden begann. Ich freute mich so sehr auf die Hajj, ich wollte einen klaren Kopf bekommen und Allah näher sein. Der Shaytan versuchte natürlich auf diversen Wegen diese Hajj für mich unmöglich zu machen. Doch er hatte keinen Erfolg. Im November 2009 saß ich in einem Bus mit vielen anderen Pilgern, auf dem Weg zu unserem Meqaat.

AM MEQAAT
Der Meqaat ist ein Ort, einige Kilometer vor Mekkah, an dem die Pilger ihre Absicht für die Hajj oder Omrah fassen und in den Ihraam-Zustand wechseln. Für männliche Pilger bedeutet das, dass sie nur die weissen Ihraam-Gewänder tragen dürfen. Frauen tragen weiterhin ihre ganz normale Kleidung.
Nach einer langen und anstrengen Busfahrt, mit Raststätten-Toiletten, die ich lieber nie gesehen hätte, kamen wir gegen 9 Uhr abends am Meqaat an und freuten uns schon so sehr auf eine saubere Duschkabine und ein wenig Füßevertreten. Alle mussten lange warten, bis sie mit dem Duschen an der Reihe waren und es begannen  kleine Streitereien und Beschwerden darüber, warum der Bus uns nicht zu einem anderen Badehaus gebracht hatte, das angeblich viel größer war. Doch der Stress war schnell verflogen, als wir alle frisch geduscht und in Ihram-Kleidung wieder im Bus saßen und langsam realisierten, dass wir nur noch wenige Kilometer von Mekkah entfernt waren und bald unsere ersten Hajjrituale verrichten würden. Freude und Glück lagen in der Luft, als die Männer alle zusammen im Chor immer wieder "Labbaik Allahumma Labbaik" sprachen.

DER ERSTE TAWAF UND SAA'I
Die Fahrt vom Meqaat nach Mekkah war zwar nur wenige Kilometer, doch es waren so viele Pilger unterwegs, dass wir dafür mehrere Stunden brauchten. Am Eingangstor zu Mekkah staute sich der gesamte Verkehr und wir verbrachten die meiste Zeit stehend.
Nach einigen Stunden Stau fuhren wir durch Mekkah und mein Mann erklärte mir alles, woran wir vorbeifuhren, weil er zuvor schon einmal die Hajj verrichtet hatte und die Stadt kannte.
Mittlerweile war es ca. 2 Stunden vor der Zeit für das Fajr-Gebet und unser Bus war endlich bei der Masjid al-Haram angekommen. Der Platz vor der Moschee und die angrenzenden Straßen waren nichts als ein Meer aus weissen Ihraam-Gewändern. Überall wurde gedrängelt und wir bahnten uns einen Weg zum Eingang der Moschee. Es war so eng, dass mein Mann stets hinter mir ging und seine beiden Arme nach vorne ausstreckte, sodass ich zwischen seinen Armen gehen konnte und nicht von den hunderten männlichen Pilgern angerempelt wurde. In der Nähe der Eingänge gab es Wasser, um Wudu zu machen. Obwohl dort in mehreren Sprachen geschrieben stand, "Nur für Männer", drängelten sich Männer und Frauen zusammen an den kleinen Waschbecken. Viele Frauen krämpelten in aller Öffentlichkeit ihre Ärmel hoch oder lockerten ihre Kopftücher, um den Wudu durchführen zu können. Ich nahm mir vor, immer gut auf meinen Wudu zu achten, damit ich nicht auch auf diese öffentlichen Waschbecken angewiesen sein würde.
An der Eingangstür wurden wir und unsere Taschen genau untersucht. Dann durften wir eintreten und ich war so glücklich. Zuerst gingen wir ganz nach oben, weil dort mehr Platz war und ich sah zum ersten Mal die Kaabah vor mir. Von oben blickte ich auf sie, umrundet von hunderten von Pilgern. Die Kaabah, der erste von Menschen erbaute Ort des Gebets, in deren Richtung wir uns täglich im Gebet verneigen. Ich fühlte mich so glücklich in diesem Moment dort zu sein und sagte eine Dua, beim ersten Erblicken der Kaabah, die, wie ich hoffte, erhört werden würde. Später las ich in einer Fatwa, dass diese Meinung, mit der Dua beim Erblicken der Kaabah falsch sei. Ich weiss aber nicht, was stimmt, da es dazu zwei Meinungen gibt.
Die Stimmung in der Moschee kurz vor dem Fajr-Gebet war so ruhig und friedvoll. Überall saßen Leute, die Gebete verrichteten, im Quran lasen, schliefen oder im Tawaf waren. Auch wir begannen unseren Tawaf, zuerst etwas nervös, da wir immer noch in unseren kleinen Büchern nachschauen mussten, was an welcher Ecke zu tun war. Doch dann wurden wir immer ruhiger und fanden ein angenehmes Tempo und ich vertiefte mich in meinen ersten Tawaf und meine vielen Duas.
Als wir den Tawaf beendet hatten, war von den anderen Pilgern aus unserem Bus niemand zu sehen. Wir gingen in Richtung Saa'i und da fanden wir eine kleine Gruppe, die wir kannten. Sie waren bereits mit dem Saa'i beschäftigt und mahnten uns zur Eile, weil wir schnell weiter nach Mina müssten. Da stieg eine leichte Wut in mir auf, die ich noch öfters auf dieser Hajj verspüren sollte. Ist das der Grund, warum wir den langen Weg nach Mekkah gekommen sind, um jetzt in Eile schnell mal die Hajj-Rituale zu verrichten? Ich konnte nicht glauben, was ich hörte. Ich schüttelte diese negativen Gefühle ab und begann mit dem Saa'i, versuchte mich zu konzentrieren und hielt mir immer die Geschichte von Hagar vor Augen, wie sie hin und her lief, auf der Suche nach Wasser, ganz alleine in der Wüste, und ich empfand eine tiefe Bewunderung für diese Frau, Hagar. Doch lange konnte ich bei dem Gedanken nicht verweilen, denn ständig traf ich auf der gegenüberliegenden Spur des Saa'i Pilger aus unserer Gruppe, oder wurde von ihnen überholt und immer wieder zur Eile gemahnt. Wie weit bist du schon? Wieviele Bahnen noch? Yalla, wir müssen bald los. Ich versuchte das alles an mir abprallen zu lassen und konzentrierte mich so gut ich konnte.

MINA
Nachdem wir alle den Tawaf und Saa'i beendet hatten, machten wir uns auf den Weg nach draußen zum Bus. Der Bus war noch nicht da, und wir nutzten die Zeit eine Kleinigkeit zu essen zu besorgen. Es war irgendwie ein seltsames Gefühl nach dem Umrunden der Kaabah, draußen vor der Moschee plötzlich Kentucky Fried Chicken und andere Fast Food Restaurants zu sehen. Zwei verschiedene Welten.
Unser Bus kam und wir fuhren in Richtung Mina, wofür wir wieder einige Stunden brauchten, weil so viele Pilger unterwegs waren. Wir stiegen aus dem Bus, holten unser Gepäck und mussten noch ein Stück zu Fuß durch die kleinen Straßen gehen. Da fing es unerbärmlich an zu regnen. Niemand hatte einen Regenschirm parat und wir waren alle schon nass, als wir eine Brücke fanden, bei der wir uns unterstellen konnten. Als der Regen nachließ gingen wir weiter und erreichten unsere Unterkunft in Mina. Eine Ansammlung von Zelten, manche kleiner, andere sehr groß. Jedes Zelt hatte Matratzen und Decken. Nach langen Streitereien um die besten Plätze in den Zelten der Schwestern, nahmen wir uns endlich einen Platz in einem der Zelte und legten unser Gepäck ab. Es war Vormittag, aber wir schliefen alle schnell ein, da wir lange unterwegs gewesen waren und nun endlich ein Bett zum Ausruhen hatten.
Als ich aufwachte waren einige der Schwestern schon in heller Aufruhr. Das Mittagessen war serviert worden, was alle, die davon wussten, aber nur im Flüsterton an ein par andere weitersagten, die dann wiederum nach draußen eilten, um sich schnell einen Teller zu ergattern. Man hätte den Eindruck bekommen können, das Essen sei knapp. Das war aber überhaupt nicht so. Als ich nach draußen ging, um mir auch etwas zu essen zu besorgen, fühlte ich mich wie am Buffet eines Hotels. Es gab mehrere verschiedene Arten von Fleisch, Reis und Nudeln, verschiedenes Gemüse, manchmal auch noch Fisch, und immer Suppen und Salate. Es war mehr Essen da, als benötigt, und es schmeckte gut. Ma sha Allah. Umso wütender machte es mich, zu beobachten, wie alle sich gegenseitig drängelten und schubsten, sich anschrien, und sich dann, als sie an der Reihe waren, ihre Teller so extrem voll schaufelten, dass das Fleisch und die Salate nicht für alle reichten. Ich holte mir ein Teller und begann in unserem Zelt mit den anderen Schwestern zu essen. Als ich wieder nach draussen ging, um mein Teller wegzuräumen sah ich überall neben dem Buffet halbvolle Teller stehen, die dort stehengelassen wurden. Auf den meisten Tellern waren die verschiedenen Lebensmittel alle miteinander vermischt, sodass man es nicht mehr für später verwenden konnte. Also landete das übriggebliebene Essen auf den Tellern im Müll, und die Schwestern, die in unserer Unterkunft arbeiteten und sich um das Essen und den Abwasch kümmerten schimpften sehr, während sie viel Fleisch, Gemüse und Salat wegwarfen und abspülten. Naja, dachte ich mir, heute war der erste Tag, vielleicht hatten viele Schwestern einfach Angst, das Essen würde nicht reichen und haben sich deshalb mehr genommen, als sie essen können. Ab morgen wird das bestimmt besser werden, hoffte ich. Doch was ich am ersten Tag gesehen hatte, wiederholte sich an allen folgenden Tagen, und ich konnte einfach nicht verstehen warum.
Ein weiteres Problem gab es in den Toiletten. Als wir angekommen waren, hatten wir sehr kleine, aber saubere Toiletten und Duschkabinen vorgefunden, alhamdulillah. Doch innerhalb kürzerster Zeit hatten sich diese Toiletten in das Gegenteil verwandelt. Ich habe noch nie zuvor Toiletten in so schlechtem Zustand gesehen, nur die Toiletten auf den Autobahnraststätten während unserer Busfahrt waren schlimmer gewesen. Und das Paradoxe war, der Toilettenbereich war ständig voll von Frauen, die dort mit Hand ihre Wäsche in den kleinen Waschbecken wuschen und zum Trocknen irgendwo aufhingen, und ständig wurde geduscht und die Pilger wechselten in den Ihraam, aber gleichzeitig hinterließen sie ihre unmittelbare Umgebung in solch einem unsauberen Zustand. Das machte mich wirklich traurig.

DER TAG VON ARAFAT
Als der Tag von Arafat gekommen war, machten wir uns in unseren Bussen auf den Weg dorthin. Wir brauchten dafür wieder einige Stunden, da auf den Straßen so viel los war. Als wir dort ankamen, stand ein großes Zelt für uns bereit, wir machten es uns mit einigen Matratzen und Decken ein wenig bequem. An einigen Stellen war das Dach des Zeltes undicht und Wasser tropfte, da es über Nacht nochmal geregnet hatte. Es waren Eimer aufgestellt worden und wir setzten uns einfach dort hin, wo es trocken war. Es gab einen Vortrag über Lautsprecher, den ich leider nicht verstehen konnte, da er nur auf Arabisch gesprochen wurde. Danach wurde zusammen das Gebet verrichtet. Dann vertieften wir uns alle in Dhikr und Duas, denn Arafat ist der Tag, an dem Allah die Sünden vergibt und inshallah würden wir später alle aus unseren Zelten austreten und sündenfrei sein, wie am Tag unserer Geburt.
Nachdem wir unsere Duas und Dhikr beendet hatten gab es Mittagessen. In kleinen Gruppen saßen wir in unseren Zelten zusammen und aßen. Und leider schaffte es der Shaytan wieder uns abzulenken. Ich hörte, wie die Schwestern leise untereinander über die anderen Frauen sprachen: Siehst du, wieviel Leute wir in unserer Gruppe sind und wieviel Fleisch wir auf dem Teller haben? Und jetzt schau mal da rüber zu denen, die sind nur zu dritt und schau mal, wieviel Fleisch die haben. Ich frage mich, wie sie das gemacht haben, anscheinend kennen sie hier jemanden.
Es machte mich traurig solches Gerede zu hören. Besonders am Tag von Arafat. Heute waren unsere Sünden inshallah vergeben worden, wir haben Stunden mit Duas und Dhikr verbracht. Viele Schwestern hatten während ihrer Duas viel geweint. Und nun saßen sie beim Essen und waren neidisch auf ein bisschen Fleisch...


DAS STEINIGEN UND DER ZWEITE TAWAF
Nachdem wir aus Arafat zurückgekehrt waren, hatten wir einige Tage Zeit um unseren zweiten Tawaf zu verrichten, unser Opfer zu schlachten, die Haare zu schneiden und dreimal den Shaytan zu steinigen, so wie unser Prophet Ibrahim -alaihi salam- es getan hatte. Auf dem Nachhauseweg von Arafat hatten wir schon die nötigen kleinen Steinchen gesammelt.
Von unserer Unterkunft in Mina machten wir uns zu Fuß auf den Weg zu dem Ort, wo wir steinigen würden. Die große und breite Straße war extrem voll und ich musste mich konzentrieren, um meinen Mann nicht zu verlieren. Drei mal würden wir zum steinigen gehen. Manchmal ließen uns die Polizisten nicht weitergehen, weil zu viele Pilger auf einmal unterwegs waren, dann mussten wir ein wenig warten. Drinnen in dem Gebäude, wo wir steinigten, gab es mehrere Stockwerke. Die Polizisten entschieden immer, welches Stockwerk gerade offen war und durch welchen Eingang wir eintreten durften. Oben gab es ma sha Allah große Klimaanlagen, die für ein wenig Wind und Kühle sorgten. Es gab drei Mauern, die nebeneinander standen, an jeder Mauer warfen wir Steine. Es war sehr schwer, die Mauern zu erreichen, weil sich so viele Pilger, hauptsächlich männliche Pilger, um die Mauern drängelten. Viele ließen ihrer Wut freien Lauf und warfen ihre Steine energisch an die Mauern, sodass wir aufpassen mussten nicht von abprallenden Steinen getroffen zu werden. Nach jedem Werfen stellten wir uns ein wenig Abseits und machten viele Duas. Ausserdem gingen wir zur Masjid al Haram, um den zweiten Tawaf zu vollziehen.


DAS BEENDEN DES IHRAAM UND DER ABSCHIEDS-TAWAF
Nachdem wir den zweiten Tawaf und das Steinigen erledigt hatten, konnten wir unseren Zustand des Ihraam beenden. Männer kürzten ihre Haare oder rasierten sie komplett ab, Frauen kürzten nur eine kleine Haarsträhne. Dann konnten die Männer wieder ihre normale Kleidung tragen und der Zustand des Ihraam war beendet. Ausserdem mussten wir noch das Opfertier schlachten, bzw es schlachten lassen.
Jetzt neigte sich unsere Hajj dem Ende zu und wir wurden langsam wehmütig. Alles was noch zu tun blieb, war der Abschieds-Tawaf. Also zogen wir ein letztes Mal unsere Runden um die Kaaba, machten so viele Duas wir konnten, vor Allem dafür, dass unsere Hajj angenommen werden würde und dass wir die Gelegenheit bekommen würden ein andermal nochmal hierher kommen zu können.

Und dann saßen wir plötzlich wieder in unserem Bus und befanden uns auf dem Rückweg. Alle waren sehr still und in sich gekehrt. Ich war unglaublich glücklich darüber, meine Hajj vollzogen zu haben und gleichzeitig war ich traurig, diesen gesegneten Ort schon wieder verlassen zu müssen. Inshallah ya Rabb, betete ich, kann ich noch oft hierher zurückkehren, ya Rabb, ya Rabb...

Kommentare:

  1. masa Allah, sehr schoen zu lesen, da auch meine eigenen erinneringen geweckt wurden. schade, dass wir uns snicht dort getroffen haben. ich hab ein paar mal assschau nach dir gehalten :) insaAllah naechstes mal, wenn Allah uns wieder einlaedt-amin, selam alejkum vr vb deine almasa

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  2. Inshallah können wir eines Tages zusammen dort sein!

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